Tempeltanz

klassischer indischer Tanz BharataNatyam


(Eurasische Magazin, Auswahl aus dem Artikel)

 

Ein Trommelwirbel und „die Tänzerin erschien, barfuß, mit graziösen federnden Schritten, ihre … zierlichen Füße rot umrandet. Schwer und leicht zugleich, ein Wesen, das Süße und Herbheit ausstrahlte, Gazelle und Löwin in einem...

 

Ich hate nie zuvor einen Menschen gesehen, der Gegensätze so vollkommen in sich vereinigte. Nun hatte sie die Bühnenmitte erreicht und begann gestenhaft den Raum zu teilen. Als ob ein Zauberkünstler zelebrierte, zauberten ihren Hände. Sie ließen Dinge entstehen und vergehen, zogen Linien und malten Bilder in die Luft, ihre Finger waren in immer neuen Stellungen. War dies raffinierte Spiel der Hände Ornament oder tiefe Aussage?

War es mehr als nur die äußere Form? … Dann steigerte sie sich in explosive Rhythmen, die ihre tanzenden Füsse auf den Boden trommelten“, akustisch verstärkt durch die vielen kleinen Glöckchen um ihre Fußknöchel.

 

Aber „das Unglaublichste waren ihre Augen, sie schienen alles zu verfolgen, alles zu unterstreichen, alles im Bewußtsein zu haben. . … Ich spürte, daß ihr Tanz eine Meditation der Liebe war.“ So beschreibt die damals sechzehnjährige Tänzerin Angelika Srinam ihre ersten Erlebnisse bei einer Bharata Natyam–Vorführung. Sie war tief beeindruckt. „Nicht die Form der Musik, ihre fremde ungewohnte Technik, sondern die Freude, die diese Musik ausdrückte“

Zitat: Buch über den indischen Tempeltanz: „Lotosblüten öffnen sich“, Kösel-Verlag, München 1989

 

Der Begriff Bharata Natyam setzt sich aus verschiedenen Wortelementen aus dem Sanskrit zusammen: „Bha“ – Bhava (= Ausdruck), „ra“ – Raga (= Meldodie), „ta“ – tala (=Rhythmus) und „Natyam“ (= Tanz), ist also eine „Verbindung zwischen Ausdruck, Melodie und Rhythmus“ (Bha-ra-ta).

 

In der indischen Mythologie gilt der Tanz als ein Werk Gottes: Von den fünf Pfeilen des Liebesgottes Kama getroffen verliebte sich Schöpfergott Brahma in Sarasvati, die von ihm selbst geschaffene Göttin der Künste. Als Sarasvati seine Liebe erwiderte, „wurden ihre Schritte zu Tänzen, alles was ihr Mund formte zu Poesie, und das Spiel ihrer Hände wurde zu Musik“. Musik heißt deshalb auf Hindi ‚Sangita’, die Einheit von Tanz, Musik und Poesie. Von den 64 Künsten, die Sarasvati gebar, war Tanzkunst die Erstgeborene. 

Diese Ursprungslegende des Tanzes wurde von dem Dichter Bharata aus dem südindischen Tamil Nadu überliefert. Er lebte dort vor etwa 2000 Jahren. Seine Sanskrit-Niederschrift heißt ‚Natyasastram’ oder auch fünfte Veda, denn in diesem uralten Lehrbuch sind Auszüge aus allen vier Veden enthalten.

 

Kein Wunder also, daß die Tanzkunst aus Indien nicht wegzudenken ist. Doch trotz ihrer tausendjährigen Geschichte drohte sie schon einmal unterzugehen. 1947 wurde der Tanz im Tempel sogar ganz verboten. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sollte sich dies wieder ändern. Herausragenden Persönlichkeiten wie den Tänzerinnen Rukmini Devi und Balasaraswati gelang es, ihrer Kunst erneut weltweite Anerkennung zu verschaffen. Der Tanz in Indien blühte wieder auf. Es gibt dort heute so viele Tänzer und kleine Tanzgruppen wie in keinem anderen Land der Welt.

 

Kein Fest, bei dem nicht wenigstens eine ‚Nayika’ (Tänzerin) auftritt. Als Vermittlerin zwischen Himmel und Erde trägt sie ein farbenprächtiges, niemals schwarzes Gewand, Glöckchen an ihren Fesseln und reichen Schmuck, von dem jedes Stück symbolische Bedeutung hat. Ihr Tanz beginnt und endet seit Urzeiten mit einer Huldigung an die Erde: Namaskaram.

Keine ihrer Bewegungen ist zufällig und zielt darauf ab, nur gefallen zu wollen. Das gilt für die Arme, Hände, Kopf und Augen ebenso wie für die Füsse.

 

Die zehn wichtigsten Fußstelllungen heißen Mandalas. Sie ergeben ein Muster und sollen gute Kräfte aus dem Universum ziehen. Deshalb malen die Frauen in Indien solche Mandalas auf die gereinigten Böden vor ihren Häusern. Sie sind auch ein „Symbol für geordnetes Denken, und das beginnt bei den Füßen“.

 

Eine tänzerische Grundeinheit wird als ‚Adavu’ bezeichnet. Das sind verschiedene Körperhaltungen, die durch rhythmische Bewegungen miteinander verbunden sind. Es wird in drei verschiedenen Tempi getanzt. Zu jeder der 13 Adavu-Gruppen gehören bestimmte Sprechsilben, die die Takte der Bewegungen begleiten, z. B.: „tai ya tai ya tai ya tai“ beim Tattadavu, bei dem mit der mit der ganzen Sohle aufgeschlagen wird oder „tai yum tat tat tai yum ta ha“, bei dem nur die Ferse den Boden berührt.

 

Am eindrucksvollsten ist sicher die Vielfalt der geschmeidigen Handbewegungen, die Gebärdensprache, einmalig in der Welt der Künste. Die Handgeste, Hasta, wird zum Mudra, wenn sie etwas Konkretes versinnbildlicht. Von den insgesamt 45 Mudras werden 28 mit einer Hand ausgeführt, die restlichen 17 mit beiden Händen.

 

Im Gegensatz zu einer eher mechanistischen Auffassung im Westen wird der Körper im Osten eher als „heiliger Tempel“ betrachtet, als ein „Ort der Seligkeit, in dem die Weisheit verborgen liegt“7). Im Tempel von Cidambaram in Südindien wurden die wichtigsten Tanzposen schon vor 600 Jahren in Stein gemeißelt – Darstellungen sanft bewegter Figuren fehlen jedoch an keinem Tempel. Der Cidambaram-Tempel selbst ist Abbild des großen, universellen Raums, in dessen Mitte der Gott Shiva seinen Tanz der Glückseligkeit tanzt. Als Nataraja ist er der Geliebte der Tänzerin, die durch ihren Tanz frei von allem wird, was sie bindet. Hier erscheint Bharata Natyam auf der höchsten Stufe: als direkter Weg zur Entfaltung der Gefühlswelt und des Intellekts, zur Kenntnis des Raums und des eigenen Körpers.

 

Name des Autors: Margret Roidl, Titel der Seite: www.eurasischesmagazin.de

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